Mit freundlicher
Unterstützung von 'zeit.de'
habe ich die Möglichkeit, euch hier ein Interview mit Quentin Tarantino
zu präsentieren. Interview weiter unten
oder
hier.
Der neue Tarantino:
"Wenn Rache, dann richtig"
Eine "Rache-Heldin",
ein Frankensteinmonster, jede Menge Action und Blut, fast keine Dialoge
und zahllose Zitate und Anspielungen auf andere Filme: Seinem vierten
Film "Kill Bill" hat der Regisseur Quentin Tarantino das Motto "Rache
wird am besten kalt serviert" vorangestellt. Im ZEIT-Interview erklärt
der amerikanische Filmemacher: "Ich meine: Wenn jemand Rache nehmen
soll, dann richtig."
Uma Thurman spielt in dem Samurai-Epos diese Heldin der Rache, eine
Auftragskillerin, die von ihrem Boss verraten wird. Tarantino: "Es ist
eine Greatest-Hits-Sammlung. Wie in einem Rockkonzert wird alles voll
aufgedreht bis zu einem gigantischen Höhepunkt", - und das fast ohne
Worte.
"Natürlich liebe ich gute Dialoge, es gibt hier nur nicht so viel davon
wie früher. Und die Hälfte davon ist auf Japanisch. ... Ich würde die
Reinheit der Konstruktion nicht durchbrechen, nur um mehr Dialoge
unterzubringen. Ich halte mich da an den Satz, den Eli Wallach in The
Good, The Bad, The Ugly spricht: "When it's time to fight, don't talk -
shoot!" "Ich will, dass man im Kino richtig was erlebt. Dass man
hinterher auf die Straße geht und es eine Weile dauert, bis die Kill
Bill-Welt verdunstet. Dass man rauskommt und sagt: Gott sei Dank!
Interview:
Das perfekte Massaker
Der Regisseur Quentin
Tarantino über ein Kino
der reinen Gewalt und sein Samurai-Epos "Kill Bill"
zeit:
Gab es Momente, in denen Sie daran gezweifelt haben, ob Sie diesen Film
überhaupt fertig kriegen? Es muss eine monumentale Anstrengung gewesen
sein.
Tarantino:
Für mich klingt das so wie: Glückwunsch zur Besteigung des Mount
Everest.
zeit:
Inzwischen sind nach achtmonatigen Dreharbeiten in China, Japan und den
USA sogar zwei Mount Everests daraus geworden.
Tarantino:
Stimmt, das Bergsteigen ist noch lange nicht vorbei. Von Kill Bill,
Teil zwei, haben wir noch nicht mal die Hälfte geschnitten. Zu dieser
Arbeit muss ich gleich zurück.
zeit:
Das Samurai-Epos Kill Bill ist Ihr vierter Film, worauf Sie im
Vorspann ausdrücklich hinweisen. Obwohl schon Reservoir Dogs, Pulp
Fiction und Jackie Brown randvoll waren mit Zitaten und
Anspielungen auf andere Filme, scheinen Sie diesmal noch einen Schritt
weitergegangen zu sein.
Tarantino:
In Pulp Fiction oder Jackie Brown gab es mehr oder
weniger realistische Szenen und Charaktere. Ich habe mich oft gefragt,
welche Filme sich diese Figuren im Kino angucken würden. Es wären Filme,
die in einer absoluten Filmwelt spielen. Kill Bill ist mein
erster Film, der vollständig in dieser Filmwelt spielt.
zeit:
Kill Bill ist ein Film über Filme?
Tarantino:
Ja. Es bedeutet aber noch viel mehr. Kill Bill ist zunächst mal
ein Frankenstein-Monster, das ich aus meinen eigenen Interessen und
Kino-Obsessionen geschaffen habe. Ich will die Leute mit der
Action-Unterhaltung, mit der ich aufgewachsen bin, begeistern. Es ist
eine Greatest-Hits-Sammlung. Wie in einem Rockkonzert wird alles voll
aufgedreht bis zu einem gigantischen Höhepunkt.
zeit:
Während man Uma Thurman als Killerin durch bluttriefende Säbelgefechte
folgt, sind die Gesetze der Logik, Schwerkraft und Plausibilität
weitgehend außer Kraft gesetzt. Das eröffnet natürlich große
Möglichkeiten, führt aber auch zu Schwierigkeiten.
Tarantino:
Was denn für Schwierigkeiten?
zeit:
Es entsteht zum Beispiel eine gewisse Kälte, da die Figuren auf nichts
mehr verweisen und pure Konstruktion sind. Das war in Pulp Fiction
anders: Als Vincent, von John Travolta gespielt, abgeknallt wurde,
trauerte man ihm durchaus nach. In Kill Bill hingegen erwartet
man von vornherein, dass alle Beteiligten eines mehr oder weniger
grotesken Todes sterben. Das Mitgefühl hält sich in Grenzen – zumal ja
alle Opfer ihrerseits auch eiskalte Killer sind.
Tarantino:
Kann sein, aber für einen Film, der so sehr auf seiner Vorhersehbarkeit
beruht, ist Kill Bill ziemlich unberechenbar. Das Fundament,
die Struktur, die Bestandteile sind vorhersehbar. Alles andere ist
völlig offen. Und selbst die Dinge, die eigentlich vorhersehbar sind,
werden dermaßen auf die Spitze getrieben, dass sie auch schon wieder
überraschend sind. Zum Beispiel: In einer Szene kämpft Uma Thurman, „die
Braut“, gegen Vivica Fox. Deren kleine Tochter taucht auf. Uma wird ihre
Feindin nicht vor den Augen der Tochter umbringen. Nun könnten sie sich
natürlich weiterprügeln, und Vivica könnte unglücklich auf einem Messer
landen. Die Böse wäre tot, es wäre aber nicht wirklich die Schuld der
Guten… Ich hasse so was! Ich hasse es! Wenn ein Regisseur so was macht,
würde ich ihn sofort ins Kinogefängnis schicken. Wenn jemand Rache
nehmen soll, dann richtig! Solche halbgaren Sachen passieren immer dann,
wenn alle möglichen Leute in einen Film reinquatschen und sagen, wir
müssen die Hauptdarsteller sympathischer machen.
zeit:
Sympathisch ist in Kill Bill tatsächlich niemand.
Tarantino:
Auch die Hauptfigur nicht. Uma Thurman spielt eine Heldin der Rache,
eine Auftragskillerin, die von ihrem Boss verraten wird. Hochschwanger
wird sie am Tag ihrer Hochzeit niedergestreckt und fällt ins Koma. Nach
fünf Jahren erwacht sie und startet einen gnadenlosen Rachefeldzug. Man
könnte sagen: Eine Racheheldin ist ein Widerspruch in sich. Rache ist
nicht unbedingt heldenhaft. Rache kann sehr aufregend sein, extrem fies,
unterhaltsam. Aber eigentlich ist Rache doch irgendwie hässlich.
zeit:
Die Frage, ob Rache gut oder schlecht ist, stellt sich in Ihrer
hermetischen Filmwelt aber nicht. Dass auf erlebtes Unrecht nur mit
vernichtender Vergeltung reagiert werden kann, ist dort unumstößliches
Gesetz. Schon gar nicht wird überlegt, ob Gewalt gut oder schlecht ist.
Tarantino:
Über einen solchen Quatsch redet man in einem Samurai-Film natürlich
niemals. Auch in einem Spaghetti-Western würde das den Leuten nie
einfallen. Gewalt wird als etwas Gegebenes angesehen. Sie ist der Grund,
warum wir hier sind.
zeit:
Gibt es deshalb im Gegensatz zu Ihren früheren Filmen so wenig Dialog in
Kill Bill? Um die Inszenierung der reinen Gewalt nicht zu
stören?
Tarantino:
Natürlich liebe ich gute Dialoge, es gibt hier nur nicht so viel davon
wie früher. Und die Hälfte davon ist auf Japanisch. Die Figuren in
diesem Film formulieren keine Philosophie, die uns auf ihre Seite zieht.
Sie reden überhaupt nicht, wenn es nichts zu sagen gibt. Ich würde die
Reinheit der Konstruktion nicht durchbrechen, nur um mehr Dialoge
unterzubringen. Ich halte mich da an den Satz, den Eli Wallach in Leones
The Good, The Bad and The Ugly spricht: „When it’s time to
fight, don’t talk – shoot!“
zeit:
Als Motto haben Sie Kill Bill vorangestellt: „Rache wird am
besten kalt serviert.“ Im Film wird dann tatsächlich jede Menge Rache
kalt verabreicht. Die Hass- und Rachegefühle werden allerdings nur
behauptet, nicht in emotionalen Ausbrüchen vorgeführt.
Tarantino:
Stimmt, das gibt’s nur an einer Stelle: als Uma Thurman aus dem Koma
aufwacht und feststellt, dass sie ihr Kind verloren hat. Das ist eine
herzzerreißende Szene, die einen hoffentlich durch den restlichen Film
verfolgt. Es gibt schon viele Filme über Mutterliebe. Hier geht’s um die
Wut einer Mutter!
zeit:
Ihre Filmwelt ist das Gegenteil einer Hollywood-Traumwelt. Es ist kein
Ort, an dem man gern leben würde.
Tarantino:
Darüber habe ich viel nachgedacht. Es ist anders als in Woody Allens
Purple Rose of Cairo, wo man so schön durch die Leinwand in den
Film hinein- und aus dem Film heraussteigen kann. Eine Filmwelt, in die
man garantiert nie und nimmer seinen Fuß setzen möchte, sind die
Kung-Fu-Filme der von mir bewunderten Shaw-Brothers. Da wird beinahe
nonstop gekämpft. Genauso wenig würde man in einen Spaghetti-Western
hineinspazieren wollen. Das sind wirklich harte, brutale Welten.
zeit:
Nach einer Stunde in der Kill Bill-Welt sehnt man sich nach
einer Welt ohne Säbel.
Tarantino:
Toll! Vielen Dank! Nichts ist mir lieber als das. Es ist eine tolle
Sache, wenn man im Kino sitzt und bombardiert wird und sich darin
verlieren kann. Viel zu oft sitzt man da, und es rieseln so ein paar
flüchtige Bilder an einem vorbei. Ich will, dass man im Kino richtig was
erlebt. Dass man hinterher auf die Straße geht und es eine Weile dauert,
bis die Kill Bill-Welt verdunstet. Dass man rauskommt und sagt:
Gott sei Dank!
zeit:
Im großen Finale von Teil eins werden in einem rekordverdächtigen
Gemetzel rund hundert Leute erstochen, verstümmelt, geköpft. Aus allen
Filmen, die Sie beeinflusst haben, haben Sie vor allem eines
herausdestilliert: brutale Waffengewalt. Nun ließen sich ja noch andere
Essenzen denken: große Gefühle, überwältigende Bilder, Charakterstudien,
was auch immer. Ist Kill Bill eine von vielen denkbaren
Filmwelten – oder ist für Sie die Filmwelt völlig durch Gewalt
definiert?
Tarantino:
Ich glaube, da ist was dran. Bei manchen Filmen denkt man vielleicht
nicht als Erstes an die Gewalt, aber sie ist immer da. Selbst in einem
so harmlosen Zeichentrickfilm wie Fantasia steckt Gewalt. Viele
Disney-Cartoons haben heftige emotionale und physische Gewalt, so haben
wir sie alle als Kinder erlebt. Sie steckt auch im Melodrama, einem
meiner liebsten Genres. In Magnificent Obsession von Douglas
Sirk wird zwar nicht mit Pistolen geschossen, aber Jane Wyman wird von
einem Auto angefahren, danach hält Rock Hudson sie in seinen Armen. Das
ist ein opernhafter Moment der Gewalt.
zeit:
Viele Action-Filme wurden nach den Anschlägen vom 11. September
verschoben oder ganz zurückgezogen. Es wurde allgemein angenommen, dass
es Kriegs- und Gewaltfilme in absehbarer Zeit sehr schwer haben würden.
Das Gegenteil scheint nun der Fall zu sein.
Tarantino:
Na ja, es hat schon eine ganze Weile gedauert. Ich finde zwar nicht,
dass schon wieder besonders viele Gewaltfilme herausgekommen sind, aber
es gibt sie wieder. Bad Boys II ist ziemlich extrem und
Kill Bill natürlich auch.
zeit:
All die Fernsehberichte über den 11. September und den Irak-Krieg haben
Ihren Appetit auf Blut und Gemetzel kein bisschen beeinträchtigt?
Tarantino:
Nein. Aber es ist sicher etwas schwieriger geworden, in Amerika einen
Film darüber zu drehen, wie jemand ein Haus in die Luft jagt.
zeit:
Für Sie liegen die Bilder realer Gewalt in einer völlig anderen Sphäre?
Tarantino:
Ja.
zeit:
Gibt es überhaupt keine Verbindung zur ästhetischen Erfahrung in der
Filmwelt?
Tarantino:
Überhaupt keine. Oder doch, vielleicht diese eine: Als man im Fernsehen
sah, wie die beiden Flugzeuge in die Türme flogen, fiel jedem sofort
auf, wie sehr das nach einem Kinofilm aussah. Es sah aus wie ein großer
Joel-Silver-Film.
zeit:
Und diese Erfahrung hatte keine Auswirkungen auf Ihre Filmwelt?
Tarantino:
Nein, das alles hat nicht das Geringste mit meiner Kunst zu tun.
Quelle: Die Zeit
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